Anreißen mit dem Streichmaß
 

Das Streichmaß ist ein wichtiges Anreißmittel. Mit ihm werden Risse parallel zu einer bearbeiteten Kante gezogen. Obwohl das Grundprinzip recht simpel ist, gibt es viele unterschiedliche Konstruktionen. In diesem Blogbeitrag stellen wir Ihnen die Unterschiede und Besonderheiten der verschiedenen Streichmaße vor.

 

Allgemeiner Aufbau

Alle Streichmaße haben einen Anschlag und einen oder mehrere verstellbare Schieber, an deren Ende ein Markierungshilfsmittel – Reißnadel, Messer oder Stift – befestigt ist. Mit einer Feststellschraube, die den verstellbaren Schieber fixiert, wird der Abstand der Markierungshilfe zum Anschlag eingestellt. Der Anschlag kann dann entlang der bearbeiteten Kante geführt werden, so dass die Markierungshilfe eine parallele Linie auf dem Werkstück zieht.

Streichmaß Begriffe
 

Markierungshilfsmittel - Nadel, Messer/Schneidrad, Stift

Abhängig von den Anforderungen an die Genauigkeit kommen unterschiedliche Markierungshilfsmittel zum Einsatz. Am genauesten ist das Markieren mit einem messerartigen Markierungsmittel. Quer zur Faserrichtung ist der Riss ganz gut zu sehen. Längs zu den Fasern ist er jedoch oft nur schwer zu erkennen. Durch »Nachziehen« mit einem Stift können Sie die feinen Schnitte aber gut sichtbar machen. Ein weiterer Vorteil ist, dass durch das Durchtrennen der obersten Holzschicht die Kanten der Verbindung eindeutig definiert sind und dadurch die weitere Bearbeitung ausrissfreier ist. Die Schnitte bieten dem Werkzeug einen vorgekerbten Ansatzpunkt. Beispielsweise kann zu Beginn des Stemmens das Stemmeisen in dieser Kerbe exakt »einrasten«.

Markierungshilfsmittel
 

Traditionell hatte das Streichmaß, welches bei uns zum Anreißen von Holzverbindungen (Zinken, Schlitz und Zapfen ...) verwendet wurde, zum Markieren eine Reißnadel. Diese kratzt die Oberfläche nur an. Quer zu den Fasern kann dies vor allem bei Weichhölzern zu mehr oder weniger starken Ausrissen führen. Wenn man längs zu den Fasern anreißt, besteht die Gefahr, dass die Nadel den Jahresringen bzw. dem Faserverlauf folgt und verläuft. Viele Handwerker haben diese Nachteile minimiert, indem sie die Nadelspitze nachgefeilt haben, um eine messerartige Spitze zu erhalten.

Stifte als Markierungsmittel sind eher selten. Sie kommen meist nur bei sogenannten »Stellmaßen« (panel gauges) vor. Diese sehr großen Streichmaße sind dazu da, Bretter für den Grobzuschnitt zu markieren. Dabei ist die Genauigkeit nicht so wichtig. Wichtiger ist es, dass die Risse auf dem sägerauen Holz möglichst gut zu sehen sind.

 

Handhabung des Streichmaßes

Es ist wichtig, dass der Anschlag immer gut am Werkstück anliegt. Dazu ist es notwendig, das Streichmaß so in die Hand zu nehmen, dass eine sichere Führung möglich ist. In unserem Video demonstriert Peter Lanz die Handhabung detailliert.
Ob das Streichmaß geschoben oder gezogen wird, ist der eigenen Vorliebe überlassen. Am besten werden die Risse, wenn Sie zuerst mit wenig Kraft/Druck arbeiten und mehrfach mit steigendem Andruck anreißen. Oft sollen nur die Stellen markiert werden, wo die Markierungen auch notwendig sind. Dann ist es von Vorteil, wenn Sie die Spitze des Markierungsmittels gut sehen können. Wenn Sie beim Anreißen das Streichmaß von sich wegkippen (italienische Handhabung), ist bei den meisten Streichmaßen das Markiermittel gut zu sehen. Bei den folgenden Streichmaßen sind die Markiermesser stets gut zu sehen:
Japanisches Streichmaß mit Metallzunge
DICTUM Streichmaße
DICTUM Streichmaß, kompakt

 
Handhaltungen
Streichmaße mit zwei Schiebern
 

Streichmaße mit zwei Schiebern, am besten noch einzeln arretierbar, sind beim Anreißen von Schlitz und Zapfen sehr hilfreich. Mit ihnen können, ausgehend von einer Referenzfläche (Fläche mit dem Werkzeichen), beide Längsrisse eines Zapfenloches angerissen werden. Die Verbindung wird an der Referenzfläche bündig, selbst wenn die Werkstücke unterschiedlich dick sind. Bereits bei leichten Unterschieden in dem Materialstärke, können so Verbindungen trotzdem passend angerissen werden.
Beispiele für Streichmaße mit zwei Schiebern:
Veritas Doppelstreichmaß
Ulmia Doppelstreichmaß mit Scheibenmesser

 

Eine weitere Eigenschaft von Streichmaßen, die deren Handhabung sehr vereinfacht, ist das Vorhandensein einer Feineinstellung. Folgende Streichmaße verfügen beispielsweise über eine Feineinstellung:
DICTUM Streichmaß mit Feineinstellung
Veritas Streichmaß mit Feineinstellung

Ist keine Feineinstellung vorhanden, wird dies von vielen Handwerkern durch gefühlvolles Klopfen auf die Schieber ausgeglichen, entweder durch Aufklopfen des Schieberendes auf eine feste Unterlage (Werkbank) oder mit einem Hammer. Vorsicht: Bei Streichmaßen mit einem Schneidrad am Ende des Schiebers kann dabei das Schneidrad brechen!

Streichmass mit Feineinstellung
 

Anreißtechniken

Materialdicke einstellen bei Streichmaßen mit Schneidrad Mit Streichmaßen nordamerikanischer Bauart (Schneidrad am Ende des Schiebers) können Sie die Materialdicke sehr leicht abnehmen, indem Sie den Anschlag auf das Werkstück stellen und den Schieber auf eine darunterliegende Fläche »fallen« lassen. Der Schieber wird arretiert und die Dicke ist exakt eingestellt. Zum exakten Einstellen von Maßen, die sich oft wiederholen, können Sie »Referenzen« wie beispielsweise Parallelendmaße oder einen Satz Metallbohrer nutzen.

Materialdicke
 

Zapfenlochtiefe prüfen
Auch um zu prüfen, ob ein Zapfenloch bereits tief genug ausgestemmt ist, können Sie ein Streichmaß nordamerikanischer Bauart verwenden. Stellen Sie das Streichmaß auf die Oberseite des Zapfenlochs, lassen Sie den Schieber in das Loch gleiten bis das Schneidrad an dessen Grund stößt und fixieren Sie den Schieber. Nun können Sie die Tiefe mit der Länge des Zapfens vergleichen. Mit dieser Methode können Sie auch die Zapfenlänge für bereits vorhandene Löcher ermitteln, zum Beispiel für Restaurierungen.

 

Mitte einstellen
Auch das Einstellen der Mitte eines Werkstückes geht ganz ohne Messen vonstatten. Dazu wird zuerst die halbe Dicke oder Breite grob nach Augenmaß eingestellt. Von den gegenüberliegenden Kanten wird nun ein kurzer Proberiss gemacht und dann das Streichmaß auf die Mitte zwischen den beiden Rissen eingestellt. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis die beiden Testrisse sich genau in der Mitte treffen. Bei dieser Methode zeigen vor allem Streichmaße mit Feineinstellung ihre Vorteile.

Mitte finden
 

Anreißen von Zapfen und Schlitzen
Hier ist es entscheidend, ob Sie ein einfaches Streichmaß oder eines mit zwei Schiebern benutzen. Mit einem einfachen Streichmaß wird für gewöhnlich ein mittig sitzendes Zapfenloch angerissen. Dabei wird das Streichmaß auf den Abstand vom Rand zum Zapfen eingestellt (üblicherweise 1/3 der Materialstärke) und wechselseitig an beiden Kanten entlanggeführt.
Diese Technik funktioniert jedoch nicht, wenn die Werkstücke unterschiedliche Stärken haben. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn das Werkstück, das den Zapfen erhalten soll, schmäler ist als das Stück, in den der Schlitz eingestemmt wird. Bei dieser Aufgabenstellung muss ein einfaches Streichmaß mehrfach umgestellt werden. Mit einem Streichmaß mit zwei Schiebern geht es einfacher. Wichtig ist dabei, dass das Streichmaß stets an den Referenzflächen angelegt wird. Die Referenzflächen sollten Sie am besten schon beim Hobeln und Fügen festlegen. Ein Schieber wird nun auf den Abstand vom Rand zum Zapfen eingestellt. Der andere Schieber wird um die Stärke des Zapfens weiter herausgestellt. Mit Doppelstreichmaß können Sie so auch Doppelzapfen anreißen – dann wird das Streichmaß wieder an beiden Kanten angelegt.